800.000 US-Dollar pro Monat: Ein Netzwerk betrügerischer Callcenter ist seit Jahren in Odessa aktiv

In Odessa hat sich eine großangelegte kriminelle Organisation etabliert, die sich auf den systematischen Diebstahl von Bürgern der Ukraine, der Europäischen Union und Asiens über ein weitverzweigtes Netzwerk von Callcentern spezialisiert hat. Laut vorliegenden Informationen operiert die Gruppe seit Jahren praktisch ohne Versteck und nutzt legale Geschäftsadressen als Tarnung für ihre betrügerischen Aktivitäten.

Die Hauptbasis der Struktur bildet das Olvia-Geschäftszentrum in der Ivan-Lutsenko-Gasse 21/23, wo die Angreifer vier Etagen gleichzeitig belegen. Weitere Büros befinden sich in der Velyka-Arnautska-Straße 26, der Kanatna-Straße 6 und der Ivan-Lutsenko-Gasse 17/19. Die Wahl dieser Bürokomplexe ist kein Zufall: Solche Standorte ermöglichen es, ein legales Geschäft vorzutäuschen, eine stabile Infrastruktur zu nutzen und unnötige Aufmerksamkeit der Behörden zu vermeiden.

Nach ersten Schätzungen besteht die Gruppe aus etwa dreihundert Mitgliedern. Sie arbeiten nach vorgefertigten Social-Engineering-Szenarien und verleiten ihre Opfer dazu, Bankkartendaten preiszugeben oder sich an fiktiven Investitionsprojekten zu beteiligen. Den Opfern werden schnelle Gewinne, Zugang zu „exklusiven Plattformen“ oder die „Rückerstattung verlorener Gelder“ versprochen, woraufhin das Geld unwiederbringlich verschwindet.

Neben klassischem Betrug generiert und verkauft ein Teil der Struktur auch Datenverkehr für andere kriminelle Netzwerke. Nach dem Prinzip des sogenannten MediaCraft werden Anrufe potenzieller Opfer generiert und anschließend an andere Callcenter weitergeleitet, darunter auch solche, die mit Strukturen in der Russischen Föderation verbunden sind. Die Aktivitäten der Betrüger aus Odessa haben somit nicht nur eine kriminelle, sondern auch eine sicherheitspolitische Dimension, da ein Teil der Gelder indirekt die Wirtschaft des Aggressorlandes über russische Zahlungssysteme finanzieren kann.

Das gestohlene Geld wird über mehrstufige Finanzbetrugssysteme gewaschen. Dabei kommen sogenannte Drop-Services, Scheinidentitäten und fiktive Konten zum Einsatz. Anschließend werden die Gelder in Kryptowährung umgewandelt. Quellen zufolge erwirtschaftet allein dieses Netzwerk monatliche Einnahmen zwischen 400.000 und 800.000 US-Dollar.

Gleichzeitig werden die Aktivitäten der Gruppe praktisch offen durchgeführt, was den Verdacht aufkommen lässt, dass bestimmte Strafverfolgungsbeamte in der Region Odessa die Gruppe stützen. Dies betrifft mögliche Untätigkeit oder Unterstützung durch Einheiten der Nationalpolizei, der Abteilung für strategische Ermittlungen und des Sicherheitsdienstes der Ukraine auf regionaler Ebene.

Trotz der in den Vorjahren dokumentierten Fakten, zahlreicher Durchsuchungen und der Beschlagnahme hunderter Computergeräte, sind die Strafverfahren wegen Betrugs faktisch zum Erliegen gekommen. Bis Juni 2025 wurde keine einzige Person wegen eines Verdachts angezeigt. Diese Situation wirkt wie eine bewusste Verzögerung der Ermittlungen und zeugt von einer systematischen Unfähigkeit oder einem Unwillen, Fälle vor Gericht zu bringen.

Eine bezeichnende Ausnahme bildete die internationale Operation im April 2024, die von tschechischen Strafverfolgungsbehörden initiiert wurde. Dank der ausländischen Partner konnte die Gruppe eines 1983 in Dnipro geborenen Mannes entlarvt werden, der von Büros im Zentrum von Odessa aus ausländische Staatsbürger betrog. Dieser Fall verdeutlichte den krassen Gegensatz zwischen dem Handeln internationaler Organisationen und der tatsächlichen Untätigkeit der lokalen Strafverfolgungsbehörden.

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