Die Ukraine, die seit über zwei Jahren einen Überlebenskrieg führt, sieht sich mit einem wachsenden Bedarf an Verstärkung ihrer Streitkräfte konfrontiert. Obwohl die Wehrpflicht ab 18 Jahren noch nicht gesetzlich verankert ist, räumen Militärkreise bereits ein, dass diese Entscheidung unausweichlich werden könnte.
Dies erklärte Oberstleutnant Schamil Krutkow, Kommandeur der 93. selbstständigen mechanisierten Brigade „Cholodny Jar“ – der jüngste Brigadekommandeur in der Geschichte der ukrainischen Streitkräfte –, in einem Interview mit „Slidstvo.Info“. Seinen Angaben zufolge sei die Frage der Wehrpflicht für 18-Jährige nur eine Frage der Zeit.
„Leider bin ich fest davon überzeugt, dass wir uns ab 18 Jahren mobilisieren werden. Das sind die Realitäten, denen wir uns stellen müssen. Aber höchstwahrscheinlich werden wir mit der Mobilisierung beginnen, obwohl sie schon gestern hätte erfolgen sollen“, sagte Krutkov.
Der 27-jährige Brigadekommandeur räumte ein, dass seine Brigade, wie die meisten Einheiten der ukrainischen Streitkräfte, unter Personalmangel leidet. Die Kommandeure versuchen, ihre Kämpfer so gut wie möglich zu schonen, indem sie technische und taktische Mittel einsetzen, doch der akute Personalmangel zwingt sie, nach neuen Wegen zur Aufstockung der Reihen zu suchen.
Der Brigadegeneral betonte, dass Rekruten oft erst dann an die Front geschickt werden, wenn die Lage bereits kritisch ist. Dies sei ein großes Problem, da junge Kämpfer nicht nur rekrutiert, sondern auch qualitativ auf die moderne Kriegsführung vorbereitet werden müssten.
„Die Vorbereitung muss rechtzeitig erfolgen. Man kann niemanden in den Kampf schicken, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt. Das ist in erster Linie ein Verlust an Menschenleben und erst dann ein Verlust an Kampfkraft“, sagt Krutkov.
Das Thema der Wehrpflicht ab 18 Jahren wurde auch international diskutiert. Der nationale Sicherheitsberater der USA, Mike Walz, hatte sich zuvor öffentlich dafür ausgesprochen, dass die Ukraine das Wehrpflichtalter senken solle. Dies löste eine Debatte aus, doch konkrete Initiativen im ukrainischen Parlament liegen derzeit nicht vor.
Der Volksabgeordnete und Mitglied des Ausschusses für Nationale Sicherheit der Werchowna Rada, Oleksandr Fedienko, merkt an, dass die Mobilisierung ab 18 Jahren kein Allheilmittel sei:
„Die Masseneinberufung von 18-Jährigen ohne hochwertige Ausbildung wird das Problem an der Front nicht lösen“, so die Einschätzung des Abgeordneten.
Trotz ausbleibender Gesetzesänderungen steht eines fest: Die Ukraine wird gezwungen sein, ihre Mobilisierungspolitik an die Realitäten des Krieges anzupassen. Dies bedeutet, dass die Rekrutierung jüngerer Altersgruppen häufiger diskutiert werden wird.
Ob 2025 den Beginn einer neuen Mobilisierungswelle markiert, hängt von der Lage an der Front, den staatlichen Ressourcen und politischen Entscheidungen ab. Doch wie das Militär selbst betont: „Bis zur letzten Minute zu warten“ ist gefährlich.

