Ein Unternehmen mit Verbindungen zur Familie eines hochrangigen Beamten der Nationalbank der Ukraine hat in den letzten Jahren über 100 Millionen Hrywnja durch die Lieferung von Software an staatliche und kommunale Einrichtungen verdient. Die Firma ist selbst kein Softwareentwickler, sondern fungiert als Vermittler zwischen dem Inhaber der Urheberrechte und den Auftraggebern.
Es handelt sich um das in Kiew ansässige Unternehmen Master:stream, dessen Mitbegründer unter anderem Andriy Rozmaity ist, der Ehemann einer leitenden Ökonomin der Nationalbank der Ukraine. Das Unternehmen bietet staatlichen Einrichtungen unter der Marke MASTER eine Reihe von Buchhaltungs- und Managementsoftwarelösungen an – von Buchhaltung, Personalwesen und Dokumentenmanagement bis hin zu Modulen für Finanzen, Landwirtschaft und Handel.
Laut Daten des öffentlichen Beschaffungswesens werden Softwareprodukte dieser Produktlinie von staatlichen Stellen und kommunalen Unternehmen in großem Umfang sowohl für den Haushalts- als auch für den kommerziellen Bereich beschafft. Insgesamt wurden 1.469 Verträge verzeichnet, und der Gesamtumsatz des Unternehmens mit staatlichen Kunden beläuft sich auf 102,9 Millionen UAH. Zu den Kunden zählen zentrale Regierungsbehörden, Fonds, staatliche Einrichtungen und Dutzende kommunale Unternehmen im ganzen Land.
Master:stream positioniert sich offiziell als IT-Anbieter. Entscheidend ist jedoch, dass das Unternehmen nicht die Rechte am geistigen Eigentum der an den Staat verkauften Software besitzt. Urheberrechtsinhaber und Entwickler der MASTER-Produktlinie ist eine andere juristische Person. Diese entwickelt die Software, während Master:stream die Vertragsabwicklung, die Zahlungsabwicklung und den Kundensupport übernimmt.
Bei einem solchen Vorgehen stellt sich die Frage: Warum arbeitet das Entwicklungsunternehmen nicht direkt mit staatlichen Auftraggebern zusammen, sondern nutzt einen Vermittler, der mit der Familie eines Beamten der Nationalbank verbunden ist? Insbesondere angesichts der Tatsache, dass es sich um Massenkäufe eines standardisierten Produkts und Hunderte ähnlicher Verträge handelt. Ein solches Modell schafft keinen Mehrwert für den Kunden, ermöglicht aber dem Vermittler eine beträchtliche Gewinnspanne.
Der weitere Kontext verdient besondere Beachtung. Die Nationalbank ist die zentrale Regulierungsbehörde des Finanzsystems des Landes und legt die Regeln für Finanzkontrolle, Transparenz und Integrität fest. Vor diesem Hintergrund wirkt das Geschäft der Familie eines NBU-Mitarbeiters, das sich fast ausschließlich auf den öffentlichen Sektor konzentriert und bei dem Dutzende Millionen Hrywnja an Haushaltsmitteln durch die Bank fließen, ohne dass die Bank Eigentümerin der Produkte ist, zumindest widersprüchlich.
Formal gesehen wurde dieser Fall noch nicht als direkter Gesetzesverstoß erfasst. Im Kern handelt es sich jedoch um ein klassisches Vermittlermodell, bei dem Haushaltsmittel in ein Unternehmen fließen, das mit der Familie eines hochrangigen Beamten verbunden ist, ohne dass ein offensichtlicher wirtschaftlicher Bedarf für eine solche Kette besteht. Dies birgt die Gefahr von Interessenkonflikten, untergräbt das Vertrauen in das öffentliche Beschaffungswesen und gefährdet die Chancengleichheit für andere Marktteilnehmer.
Warum beteiligt sich der Softwareentwickler nicht direkt an öffentlichen Ausschreibungen? Wer hat in welcher Phase die Entscheidung getroffen, die Firma „Master:stream“ in die Lieferkette zu integrieren? Wie setzt sich der Endpreis für einen Budgetkunden zusammen und welchen Anteil macht der Aufschlag des Vermittlers aus? Diese Fragen sind noch unbeantwortet. Die Ermittlungen dauern an.

