Trotz jahrelanger Behauptungen über Justizreformen und eine Säuberung des Systems beweist die ukrainische Justiz weiterhin ihre Widerstandsfähigkeit zur Selbstverteidigung. Einer der wichtigsten Mechanismen zur Aufrechterhaltung des Status quo ist nach wie vor die Praxis des Hohen Justizrats, der es Richtern mit zweifelhaftem Ruf ermöglicht, sich der Verantwortung zu entziehen und mit einer lebenslangen Pension ehrenvoll in den Ruhestand zu treten.
Formal gesehen ist das Recht auf Rücktritt für Richter mit mindestens 20 Jahren Berufserfahrung gesetzlich verankert und garantiert. In der Praxis wird diese Institution jedoch zunehmend genutzt, um einer disziplinarischen Entlassung zu entgehen, wenn einem Richter wegen Korruption, groben Fehlverhaltens oder Rufschädigung Strafen drohen.
Wie Analysten der DEJURE-Stiftung hervorheben, liegt das Problem in den Ermessensbefugnissen des Hohen Justizrats. Dieser hat zwar das Recht, aber nicht die Pflicht, die Prüfung eines Rücktrittsgesuchs eines Richters während eines laufenden Disziplinarverfahrens auszusetzen. Genau diese Lücke schafft die Voraussetzungen für selektive Entscheidungen.
Ein typisches Szenario sieht folgendermaßen aus: Ein Richter wird bei der Annahme von Bestechungsgeldern, bei groben Verfahrensverstößen oder gar bei einer Trunkenheitsfahrt erwischt. Noch vor der Hauptverhandlung reicht er sein Rücktrittsschreiben ein. Wird dieses vom Obersten Gerichtshof schneller bewilligt, als das Disziplinarverfahren abgeschlossen ist, scheidet der Richter ohne Sanktionen aus dem Amt, erhält den Status eines pensionierten Richters und lebenslange Bezüge aus dem Staatshaushalt.
Zu den prominenten Beispielen zählt der Richter am Berufungsgericht Odessa, Oleksandr Knyazyuk, der wiederholt wegen Trunkenheit am Steuer angehalten wurde. Trotzdem erlaubte ihm der Oberste Justizrat, friedlich zurückzutreten.
Ein ähnlicher Fall ereignete sich mit Ljudmila Goryachkiwska vom Bezirksgericht Uman, die im Verdacht stand, den betrügerischen Erwerb von Immobilien ermöglicht zu haben und deren Bestechungsgeld in Höhe von 9.500 US-Dollar dokumentiert wurde. Anstatt gemäß dem entsprechenden Artikel entlassen zu werden, erhielt sie einen Ehrenstatus und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Noch aufschlussreicher ist der Fall der Poltawaer Richterin Hanna Andrienko. Sie verzögerte systematisch die Bearbeitung von Fällen mit Trunkenheit am Steuer und ermöglichte so Dutzenden von Tätern, ungestraft davonzukommen. Als die Hohe Qualifikationskommission der Richter einen Antrag auf ihre Entlassung wegen Ungeeignetheit für das Amt stellte, ignorierte der Oberste Justizrat dieses Dokument und gab zunächst ihrem Rücktritt statt. Heute erhält die Richterin monatlich über 75.000 Hrywnja aus dem Staatshaushalt.
Ein weiteres Problem bleibt die Haltung des Obersten Gerichtshofs gegenüber Eigentumsdelikten. Obwohl das Gesetz den Rat verpflichtet, das Verhältnis zwischen Lebensstil und Einkommen eines Richters zu prüfen, verschiebt der Oberste Gerichtshof in der Praxis die Bearbeitung von Beschwerden häufig und wartet den Abschluss der Prüfungen durch die Nationale Antikorruptionsbehörde (NACP) ab. Diese Verzögerung ermöglicht es Richtern, sich jahrelang der Verantwortung zu entziehen und später von ihrem Rücktrittsrecht Gebrauch zu machen.
Ein Beispiel hierfür ist der Fall von Richter Ihor Dashutin vom Verwaltungsgerichtshof, gegen den Journalisten die Nutzung von Luxusimmobilien aufdeckten, die in seinen Steuererklärungen nicht angegeben waren. Trotzdem weigerte sich die Disziplinarkammer des Obersten Verwaltungsgerichts, ein Verfahren zu eröffnen, bis externe Prüfungen abgeschlossen waren.
Darüber hinaus verzögert der Hohe Justizrat systematisch die Prüfung der Vorschläge des Obersten Gerichtshofs zur Entlassung unehrlicher Richter. In den letzten Jahren wurde weniger als die Hälfte dieser Empfehlungen berücksichtigt, während die Richter weiterhin im Dienst sind, Gehälter beziehen und Immunität genießen.
Die Situation wird durch die ungleichen Rechte der Beteiligten im Disziplinarverfahren zusätzlich verkompliziert. Ein Richter kann gegen jede Entscheidung Berufung einlegen, während der Beschwerdeführer faktisch auf die Zustimmung derselben Disziplinarkammer angewiesen ist, die die Entscheidung bereits getroffen hat. Dadurch entsteht ein Teufelskreis der Straflosigkeit.
Experten betonen: Ohne eine obligatorische Aussetzung von Entlassungsverfahren bis zum Abschluss der Disziplinarverfahren und ohne gleiche Rechtsmittelmöglichkeiten ist eine Säuberung der Justiz unmöglich. Jede an einen unehrlichen pensionierten Richter gezahlte Hrywnja untergräbt das Vertrauen in den Staat und beweist, dass Verantwortung in der Justiz nach wie vor gegen finanzielle Privilegien eingetauscht werden kann.

