Videos von riesigen Staub- und Wolkensäulen, die zwischen Himmel und Boden hängen, verbreiten sich rasant in sozialen Netzwerken – und erwecken den Eindruck, dass Tornados in der Ukraine häufiger auftreten. Aber entspricht das wirklich der Wahrheit?
Der jüngste Fall ereignete sich am 3. Juni in Tschernihiw. Gegen 17:00 Uhr beobachteten Anwohner ein heftiges Gewitter, bei dem ein tornadoähnliches Phänomen am Himmel auftrat. Augenzeugen aus verschiedenen Stadtteilen filmten den Wirbelsturm mit ihren Handys, und die Videos verbreiteten sich rasend schnell im Internet. Dies war der zweite Fall in der Stadt innerhalb weniger Tage – ein ähnlicher Fall wurde bereits am 30. Mai registriert.
Zeugen beschrieben die Luftsäule als dünn, rasch an Stärke gewinnend und sich bewegend. Ähnliche Phänomene wurden am 12. Mai in Smila (Gebiet Tscherkassy) beobachtet: Nach der Hitze folgte ein Wirbelsturm, dann Hagel. Zuvor waren bereits Tornados in den Gebieten Dnipro, Pawlohrad, Kiew, Lwiw, Wolyn, Poltawa und sogar in Saporischschja registriert worden.
Tornados gab es schon immer – wir sehen sie jetzt nur
Experten zufolge hat die Zahl der Tornados in der Ukraine kaum zugenommen. Laut Natalia Ptukh, Meteorologin am Ukrainischen Hydrometeorologischen Zentrum, treten solche Phänomene seit jeher im Sommer auf, wenn heiße, feuchte Luft auf kalte Luft trifft – meist zwischen Mai und August.
Die Erklärung ist einfach: Früher konnten solche Phänomene unbemerkt bleiben, aber heute hat fast jeder ein Handy mit Kamera – und hat Zeit, ein Ereignis zu filmen, das buchstäblich nur wenige Minuten dauert.
Der Durchmesser eines Tornados beträgt üblicherweise einige Dutzend Meter. Aufgrund der geringen Ausdehnung des betroffenen Gebiets erfassen Wetterstationen diese Phänomene praktisch nicht – im Gegensatz zu Videos von Drohnen und Smartphones, die im Internet allgegenwärtig sind.
Ist das Klima schuld?
Wissenschaftler vermuten vorsichtig, dass der Klimawandel die Stärke von Tornados beeinflussen könnte, doch eindeutige Beweise dafür gibt es noch nicht. Laut der Klimatologin Vera Balabukh treten aufgrund steigender Temperaturen in der Ukraine heftige Gewitter, Sturmböen und Hagel häufiger auf – genau die Prozesse, die auch zur Entstehung von Tornados beitragen. Derzeit lässt sich dieser Trend jedoch nicht offiziell bestätigen, da die notwendigen Beobachtungsinstrumente fehlen.
Ist das gefährlich?
Tornados in der Ukraine sind in der Regel nicht so groß wie in den Vereinigten Staaten, können aber dennoch lokale Schäden anrichten, insbesondere an leichten Gebäuden oder wenn sie das Epizentrum treffen. Bei einem herannahenden Tornado raten Experten, in einem Keller oder einem stabilen Gebäude Schutz zu suchen, Fenster zu meiden und sich im Freien in eine Mulde zu legen und den Kopf mit den Händen zu schützen.
Tornados sind zwar kein neues Phänomen für die Ukraine, aber dank sozialer Medien und neuer Technologien können wir sie besser erkennen. Und vielleicht nehmen wir sie auch ernster.

