Korruptionsskandale in der Kiewer Stadtverwaltung überraschen längst niemanden mehr. Doch der jüngste Fall ist selbst für diejenigen, die dort gearbeitet haben, ein echter Schock. Laut dem Inlandsgeheimdienst SBU haben hochrangige Beamte des Kiewer Rathauses in Komplizenschaft mit Mitarbeitern von Versorgungsunternehmen und privaten Firmen Millionen von Hrywnja veruntreut, die für die Versorgung schwer kranker Kiewer Bürger, darunter auch psychisch Kranker, bestimmt waren.
Die Ermittlungen gehen davon aus, dass der ehemalige stellvertretende Leiter des Gesundheitsamtes der Kiewer Stadtverwaltung, Gennady Lepsky, der derzeit in der städtischen Einrichtung „Psychiatrie“ arbeitet, der Organisator des Betrugs ist. Er wurde bereits verhaftet; die Kaution wurde auf 57 Millionen Hrywnja festgesetzt – so viel Geld wurde laut Ermittlern unter dem Deckmantel des Sozialprogramms „Fürsorge. Für die Kiewer.“ aus dem Haushalt veruntreut.
Formal wirkte alles nobel: Der Vertrag mit der GmbH „Mitsne Zdorovia“ sah die Palliativversorgung – Pflege, Verpflegung, Medikamente – für unheilbar kranke Kiewer vor. Dafür waren 149 Millionen Hrywnja vorgesehen. In der Praxis floss der Löwenanteil der Gelder jedoch an kontrollierte Einzelunternehmer, angeblich für die Anmietung von Immobilien, den Kauf von Waren und „Pseudo-Dienstleistungen“, die entweder gar nicht oder zu überhöhten Preisen erbracht wurden. Einige der „Dienstwagen“ – beispielsweise ein brandneuer Porsche Cayenne – wurden ausschließlich für den persönlichen Gebrauch der Organisatoren genutzt.
Laut den Ermittlungen waren an dem Betrug zwei stellvertretende Direktorinnen der Abteilung für Sozialpolitik der Kiewer Stadtverwaltung (wahrscheinlich Ljudmila Rijako und Halyna Dowchantschyn), der Direktor der Firma „Starke Gesundheit“ GmbH, Ruslan Matwejew, und Lepsky selbst beteiligt, der die Dreistigkeit besaß, Geld für fiktive Dienstleistungen direkt auf die Konten des unter ihm registrierten Einzelunternehmers entgegenzunehmen.
Als Lepsky etwas Gebratenes roch, versuchte er mit gefälschten Behindertenausweisen – denselben, die er zur Vermeidung der Einberufung ausgestellt hatte – ins Ausland zu fliehen. Doch die Flucht misslang – er wurde festgenommen.
Interessanterweise ist dies nicht der erste Skandal um Lepsky. Bereits 2019 sorgte er in den Medien mit einem luxuriösen Porsche Cayenne für Aufsehen, der auf seinen Bruder zugelassen war. Im selben Jahr stellte die NACP fest, dass der Beamte eine Änderung seines Vermögensstatus nicht gemeldet hatte. Und 2022 landete Lepsky wegen ausstehender Unterhaltszahlungen vor Gericht.
Die Staatsanwaltschaft hat ihn nun wegen mehrerer Delikte angeklagt: Betrug in großem Umfang, Urkundenfälschung, Amtsmissbrauch und Geldwäsche. Den Angeklagten drohen bis zu zwölf Jahre Haft.
Offiziell erklärte die Abteilung für Sozialpolitik der Kiewer Stadtverwaltung, die Leistungen seien erbracht und die Ausgaben durch Arbeitsbescheinigungen belegt worden. Die Ergebnisse des Staatlichen Steuerdienstes und die Analysen des BEB deuten jedoch auf das Gegenteil hin: Millionen von Hrywnja wurden ohne tatsächlichen Nutzen für die Patienten abgehoben.
Vor diesem Hintergrund wirken die „Komarnytskyi-Bänder“ nicht mehr so schockierend. Die Kiewer Stadtverwaltung scheint systematisch und professionell den Haushalt zu plündern und sich dabei hinter wohlklingenden Programmnamen, hochtrabenden Initiativen und sogar Wohltätigkeit zu verstecken. Der einzige Unterschied liegt in den Opfern – diesmal waren es die Schwächsten und Wehrlosesten.

