Eine neue wissenschaftliche Studie hat einen möglichen Zusammenhang zwischen häufig verwendeten Haushaltschemikalien und Schäden an Gehirnzellen festgestellt, die für die Bildung von Myelin, der Schutzhülle um die Nervenfasern, verantwortlich sind, berichtet earth.com.
Die Studie wurde von Wissenschaftlern der Case Western Reserve School of Medicine durchgeführt. Sie untersuchten über 1.800 Chemikalien, die im Alltag vorkommen. Laut den Ergebnissen des Screenings erwiesen sich 292 Verbindungen als toxisch für Oligodendrozyten – Zellen, die Myelin bilden. Deren Funktionsstörung wird mit der Entstehung neurologischer Erkrankungen, insbesondere Multipler Sklerose, in Verbindung gebracht.
Die größte Gefahr geht laut der Studie von zwei Stoffklassen aus: quaternären Ammoniumverbindungen und Organophosphor-Flammschutzmitteln.
Quaternäre Ammoniumverbindungen finden breite Anwendung in Desinfektionssprays, -tüchern, Oberflächenreinigern, Mundspülungen, Haarspülungen und Weichspülern. Organophosphor-Flammschutzmittel werden Möbeln, Textilien und Elektronikgeräten zugesetzt, um die Brandsicherheit zu verbessern.
Laborexperimente an Zellkulturen, menschlichen Hirnorganoiden und Mausmodellen der Hirnentwicklung zeigten unterschiedliche Wirkmechanismen. Quaternäre Ammoniumverbindungen führten zum Zelltod, während Organophosphor-Flammschutzmittel die Zellreifung und die Bildung von funktionsfähigem Myelin störten. Die Forscher stellten fest, dass Oligodendrozyten besonders empfindlich auf diese Substanzen reagierten.
Die Forscher legten besonderes Augenmerk auf die Auswirkungen auf Kinder. Da sich die Oligodendrozyten von der Geburt bis ins Erwachsenenalter weiterentwickeln, ist das Gehirn von Kindern länger gefährdet. Eine Analyse nationaler Studien in den Vereinigten Staaten zeigte, dass bei allen getesteten Kindern Flammschutzmittel-Metabolite nachweisbar waren und höhere Belastungswerte mit größeren Lernschwierigkeiten korrelierten.
Die COVID-19-Pandemie hat das Problem durch den weitverbreiteten Einsatz von Desinfektionsmitteln möglicherweise verschärft. Berichten zufolge ist der Gehalt an quaternären Ammoniumverbindungen im menschlichen Blut deutlich angestiegen. Forscher weisen darauf hin, dass diese Substanzen die Blut-Hirn-Schranke und die Plazentaschranke überwinden können. Gleichzeitig liegen die im Labor ermittelten Konzentrationen, die Zellschäden verursachten, innerhalb der für Kinder vorhergesagten Werte.
Auch die Innenraumluftqualität rückt in den Fokus der Wissenschaft. Chemische Verbindungen aus Reinigungsmitteln und Einrichtungsgegenständen können sich im Staub anreichern und über einen längeren Zeitraum hinweg freigesetzt werden.
Forscher betonen, dass Langzeitbeobachtungen erforderlich sind, um die Auswirkungen einer chronischen Exposition gegenüber niedrigen Strahlendosen auf die Entwicklung neurologischer Erkrankungen zu beurteilen. Aufsichtsbehörden unterstreichen die Bedeutung weiterer Forschung zur Bestimmung sicherer Expositionsgrenzwerte und möglicher gesundheitlicher Auswirkungen.
Experten raten, die Risiken im Haushalt zu minimieren: Wählen Sie Produkte ohne quaternäre Ammoniumverbindungen, bevorzugen Sie alternative Reinigungsmethoden, lüften Sie den Raum regelmäßig, reinigen Sie Oberflächen feucht und achten Sie auf die Kennzeichnung von Möbeln hinsichtlich des Vorhandenseins oder Fehlens von Flammschutzmitteln.
Die Studie hebt hervor, dass die Entstehung neurologischer Erkrankungen nicht nur von genetischen, sondern auch von Umweltfaktoren beeinflusst wird. Die Ergebnisse könnten als Grundlage für die Überarbeitung von Sicherheitsstandards für Haushaltschemikalien und Innenausbaumaterialien dienen.

