Der ukrainische Botschafter im Vereinigten Königreich, Walerij Saluzhny, äußerte sich erstmals öffentlich zu dem tiefen Konflikt mit Präsident Wolodymyr Selenskyj, der nach Beginn des umfassenden russischen Angriffs im Jahr 2022 entstanden war. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Associated Press erklärte der ehemalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, dass es zwischen ihm und dem Staatsoberhaupt gravierende Differenzen hinsichtlich der Kriegsstrategie gebe.
Laut Zaluzhny traten die Spannungen zwischen ihm und dem Präsidenten in den ersten Monaten der Invasion auf. Die Streitigkeiten betrafen die genaue Organisation der Landesverteidigung und die Durchführung der Offensivoperationen. Den Höhepunkt der Konfrontation bezeichnete er als einen Vorfall im Herbst 2022, als Offiziere des SBU in seinem Kiewer Büro erschienen.
Zaluzhny behauptet, dies sei ein Versuch gewesen, Druck auszuüben und einzuschüchtern, gerade in einer Zeit, in der die nationale Einheit von entscheidender Bedeutung war. Seinen Angaben zufolge rief er während der Ereignisse den damaligen Leiter des Präsidialamtes, Andrij Jermak, an und erklärte, er sei bereit, das Militär zum Schutz des Kommandozentrums in der Kiewer Innenstadt einzusetzen.
Gleichzeitig dementierte der SBU eine Durchsuchung von Zaluzhnys Büro und wies darauf hin, dass die betreffende Adresse in einem Strafverfahren auftauchte, das nicht mit ihm persönlich in Zusammenhang stehe. Das Präsidialamt wollte sich nicht äußern. Zaluzhnys Darstellung konnte bisher nicht unabhängig bestätigt werden.
Kontroverse um Gegenangriff
Der ehemalige Oberbefehlshaber kritisierte zudem die Vorgehensweise bei der Gegenoffensive 2023. Seinen Angaben zufolge sah der ursprüngliche Plan vor, die Streitkräfte für einen Durchbruch im Süden mit Zugang zum Asowschen Meer zu konzentrieren. Die Ressourcen seien jedoch zersplittert worden, was das Angriffspotenzial geschwächt habe. Folglich habe die Operation ihre strategischen Ziele verfehlt.
Trotz militärischer Erfolge im Jahr 2022 und hohem Vertrauen in der Bevölkerung entließ Selenskyj im Februar 2024 Saluzhny als Oberbefehlshaber und ernannte ihn später zum Botschafter in London. Politische Analysten werteten dies damals als Versuch, seinen innenpolitischen Einfluss zu beschneiden.
Meinungsumfragen zufolge hätte Zaluzhny bei einer hypothetischen Präsidentschaftswahl eine etwas höhere Zustimmung als der amtierende Präsident. Gleichzeitig erklärt er selbst, dass er politische Ambitionen nicht thematisiert, um die Einheit während des Krieges nicht zu gefährden.
„ Solange der Krieg andauert oder das Kriegsrecht gilt, beteilige ich mich an keinerlei politischen Aktivitäten “, betonte der Diplomat.
Die Resonanz auf die „scharfe“ Version des Interviews
Nach der Veröffentlichung des Materials kursierten Gerüchte, die ursprüngliche Version des Interviews habe angeblich noch schärfere Aussagen enthalten. Konkret ging es um Informationen, wonach SBU-Beamte im Jahr 2022 angeblich die physische Eliminierung von Zaluzhny geplant hätten.
Die endgültige Fassung des Artikels der Associated Press enthält diese Aussagen jedoch nicht. Laut Quellen entschieden die Redaktion der Agentur und Zaluzhny selbst nach Verhandlungen, diese Aussagen nicht in die Veröffentlichung aufzunehmen.
Gleichzeitig verbreiteten sich diese Informationen aktiv in bestimmten Blogkreisen, die mit dem politischen Umfeld des ehemaligen Oberbefehlshabers verbunden waren. Einige Publikationen präsentierten sie als angeblich gelöschten Ausschnitt aus dem Interview.
Insbesondere erklärte die Journalistin Yanina Sokolova, sie besitze Kopien von Gerichtsdokumenten, die sich auf einen Durchsuchungsbefehl für die Adresse bezögen, an der sich das Kommandozentrum Zaluzhny befand.
Laut ihren Angaben werteten Gesprächspartner aus dem Umfeld des Generals die Ereignisse nicht nur als Durchsuchung, sondern auch als möglichen Versuch der physischen Beseitigung. Gleichzeitig bestätigten die Strafverfolgungsbehörden die Version der Vorbereitung des Attentats nicht offiziell, und der SBU dementierte öffentlich jegliche Ermittlungen direkt in Zaluzhnys Büro.
Angesichts dieser Ereignisse kann davon ausgegangen werden, dass Zaluzhnys Wahlkampf bereits begonnen hat.

